Fach- und Führungskräfte langfristig gewinnen: Warum sich der Blick auf 30+ für Unternehmen lohnt
Fachkräfte zu gewinnen und langfristig im Unternehmen zu halten, wird für viele Unternehmen zunehmend zu einer strategischen Aufgabe. Dabei richtet sich der Blick häufig auf Nachwuchskräfte, Quereinsteigende oder internationale Fachkräfte. Eine weitere Gruppe mit bereits vorhandenen Kompetenzen und Berufserfahrung wird dabei nicht immer ausreichend berücksichtigt: Frauen 30+.
Mit der Veranstaltung „Fach- und Führungskräfte langfristig gewinnen – 30+ Karrieren im Unternehmen“ hat Competentia dieses Potenzial gemeinsam mit NEW DEALS in den Mittelpunkt gestellt. Drei unterschiedliche Perspektiven zeigten, welche Chancen sich daraus für Unternehmen ergeben – und welche Rahmenbedingungen dafür notwendig sind.
30+ ist keine einheitliche Zielgruppe
Zum Auftakt ordnete Laura Kanthak von Competentia Westfälisches Ruhrgebiet bei der Wirtschaftsförderung Dortmund das Thema aus Sicht der Fachkräftesicherung ein.
Frauen in ihren Dreißigern, welche eine große Fachkräftegruppe auf dem Arbeitsmarkt ausmachen, stehen nicht automatisch am Anfang ihrer beruflichen Entwicklung. Viele bringen bereits Berufserfahrung, Qualifikationen, Branchenkenntnisse und Kenntnisse betrieblicher Abläufe mit. Für Unternehmen kann es deshalb interessant sein, diese Gruppe nicht nur unter dem Aspekt einer möglichen Familiengründung zu betrachten, sondern als Teil des vorhandenen Fach- und Führungskräftepotenzials.
Genau hier liegt ein wichtiger Ansatzpunkt für die Personalentwicklung: Das Alter allein sagt wenig über berufliche Ziele, Kompetenzen oder Führungspotenzial aus.
Für Unternehmen bedeutet das, genauer hinzuschauen: Welche Kompetenzen sind bereits vorhanden? Welche Personen möchten sich weiterentwickeln? Wo bestehen Potenziale für zusätzliche Verantwortung oder eine fachliche Spezialisierung?
SIGNAL IDUNA: Potenziale systematisch betrachten
Wie sich dieser Perspektivwechsel in der betrieblichen Praxis umsetzen lässt, zeigte Denise Stahlhuth von SIGNAL IDUNA.
Ein Schwerpunkt ihres Beitrags war der Umgang mit Unconscious Bias, also unbewussten Denkmustern, die Personalentscheidungen beeinflussen können. Transparenz, Fairness und möglichst objektive Verfahren können dabei helfen, Potenziale unabhängiger von bestehenden Vorstellungen zu betrachten.
Bei SIGNAL IDUNA werden unter anderem Potenziale für Führung und fachliche Expert*innenlaufbahnen systematisch betrachtet. Dabei werden Personen nach neutralen Kriterien in den Blick genommen, ohne Alter oder Arbeitszeitmodell grundsätzlich als Ausschlusskriterien zu verwenden. Ergänzend gibt es individuelle Entwicklungsangebote sowie Mentoringmöglichkeiten.
Für KMU lässt sich daraus nicht ableiten, dass dieselben Programme in gleicher Form umgesetzt werden müssen. Vielmehr geht es um die dahinterliegende Frage:
Wie gut kennen wir die Potenziale in unserem eigenen Unternehmen – und welche Strukturen unterstützen oder behindern deren Entwicklung?
Auch kleinere Schritte können dabei relevant sein. Entscheidend sind eine realistische Analyse des eigenen Bedarfs, konkrete Ziele und die Bereitschaft, bei Bedarf externe Unterstützung einzubeziehen.
Was Frauen 30+ von Unternehmen erwarten
Eine weitere Perspektive brachte Anja Gerhartz ein. Sie sprach ausdrücklich aus ihrer persönlichen Sicht als Leitung des Young BPW Rhein Ruhr und bezog sich dabei auf Erfahrungen und Rückmeldungen, die sie von Frauen aus dem Netzwerk mitbekommt.
Als wiederkehrendes Thema beschrieb sie Vorannahmen über Frauen rund um das 30. Lebensjahr – beispielsweise die Erwartung, dass Familiengründung bevorsteht und sich dadurch die berufliche Verfügbarkeit verändert. Gleichzeitig seien die Lebenswege sehr unterschiedlich.
Für Unternehmen wird damit ein offener Austausch besonders wichtig. Aus Gerhartz' Sicht spielen für Frauen in dieser Phase unter anderem Verbindlichkeit, Entwicklungsmöglichkeiten, Weiterbildung, Mentoring und Vorbilder eine wichtige Rolle.
Dabei muss ein attraktives Angebot nicht zwangsläufig aus einem umfangreichen Programm bestehen. Auch kleinere Unternehmen können Entwicklungsmöglichkeiten sichtbar machen und zeigen, dass sie berufliche Entwicklung ernst nehmen.
Gerade beim Recruiting sollte deshalb nicht nur darauf geschaut werden, was ein Unternehmen verspricht. Entscheidend ist auch, ob die kommunizierten Entwicklungsmöglichkeiten im Arbeitsalltag tatsächlich vorhanden sind.
Ein Thema mit wirtschaftlicher Relevanz
Die Veranstaltung machte deutlich: Die Frage nach Frauen 30+ ist nicht allein eine Frage der Chancengleichheit. Sie berührt unmittelbar die Fachkräftesicherung, Personalentwicklung und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen.
Für KMU kann es besonders sinnvoll sein, vorhandene Potenziale zunächst im eigenen Unternehmen systematischer zu betrachten und gleichzeitig die eigene Ansprache potenzieller Fachkräfte zu überprüfen. Wer Entwicklungsmöglichkeiten schafft, kann damit nicht nur individuelle Karrierewege unterstützen, sondern auch Fachkräfte langfristiger an das Unternehmen binden.
Für Competentia ist genau diese Verbindung zentral: Chancengleichheit und die bessere Nutzung weiblicher Fachkräftepotenziale sind zugleich ein Beitrag zur Fachkräftesicherung und damit ein wirtschaftliches Thema.
Austausch wird fortgesetzt
Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse und war von einer aktiven Diskussion und vielen Nachfragen geprägt. Besonders wertvoll war die Verbindung der drei Perspektiven: fachliche Einordnung, betriebliche Best Practice und die Sichtweise aus einem Frauennetzwerk.
Die Kooperation mit NEW DEALS hat sich dabei als besonders gewinnbringend erwiesen. Sie ermöglichte einen praxisnahen Austausch mit Unternehmen und Interessierten und bot einen geeigneten Rahmen, um das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten.
Der Austausch unter weiteren Kooperationen soll weitergehen: Für 2027 ist eine weitere Veranstaltung zum Thema 30+ geplant.